Kennst du das auch? Da sitzt du gemütlich im Café, beobachtest die Leute – und plötzlich erwischt du dich selbst bei dem Gedanken: „Oh Gott, wie läuft der denn rum?“ Oder: „Also ich könnte ja niemals so leben wie die.“ Zack – schon sind wir mittendrin: im unbewussten Vergleichen, Bewerten und Schubladendenken.
Aber warum eigentlich?
Warum können wir die Menschen nicht einfach so sein lassen, wie sie sind?
Es scheint fast so, als hätten wir Menschen eine eingebaute Bewertungsschablone. Alles, was nicht in unser eigenes Raster passt, wird kommentiert, kritisiert oder zumindest still belächelt. Aber wieso ist das so?
Ein Grund ist ganz simpel: Wir Menschen lieben Sicherheit. Alles, was vertraut ist, gibt uns Halt. Aber wehe, jemand tanzt aus der Reihe – dann wackelt unser inneres Selbstbild. Wenn wir also ehrlich sind, steckt meistens Angst dahinter. Angst vor dem Unbekannten, Angst davor, dass unsere eigene kleine Welt ins Wanken gerät. Dieser Gedanke macht uns unsicher – und Unsicherheit fühlt sich selten gemütlich an. Also erklären wir lieber die anderen für „komisch“ oder „falsch“.
Hinzu kommt: Wir Menschen lieben es, unsere eigenen Moral- und Wertvorstellungen als den ultimativen Maßstab zu betrachten. Das fängt bei Kleinigkeiten an („Wie, du isst dein Brot ohne Butter?!“) und hört bei den großen Themen noch lange nicht auf. Und Beispiele dafür gibt’s genug:
- „Dein Kind trägt mit drei Jahren noch Windeln?“
- „Wie, du hast noch keinen Führerschein?“
- „Du gehst echt ungeschminkt ins Büro?“
- „Ihr habt nicht vor zu heiraten? Also ich könnte das ja nicht…
Schon verrückt, oder? Dinge, die eigentlich nur die Betroffenen etwas angehen, werden plötzlich zum Gradmesser für „richtig“ und „falsch“. Dabei vergessen wir, dass unsere Sicht der Dinge eben auch „nur“ eine Perspektive ist.
Ist es nicht herrlich bequem, über das Leben der anderen zu urteilen? Es lenkt nämlich davon ab, mal genauer bei sich selbst hinzuschauen. Vor der eigenen Haustür fegen? Puh, das könnte ja anstrengend werden. Da müsste ich mich ja mit meinen eigenen Schwächen, Macken und Fehlern beschäftigen.
Und das machen wir nicht so gern – also lieber bei den Nachbarn meckern.
Wie viel leichter könnte die Welt sein…
Stell dir mal vor, wir würden uns einfach mal gegenseitig leben lassen. Den anderen so akzeptieren, wie er ist – mit all seinen Schrullen, Ecken und Kanten. Nicht ständig alles bewerten, nicht alles auf uns beziehen, nicht immer gleich in den „Richtig/Falsch“-Modus springen.
Wie viel Energie würden wir sparen!
Wie viel entspannter wären unsere Beziehungen, Freundschaften, Familienfeste (ja, gerade die). Und das Beste: Wir hätten viel mehr Zeit für das, was uns wirklich wichtig ist – nämlich unser eigenes Leben.
Und wenn wir selbst bewertet werden?
Tja, das ist die andere Seite der Medaille. So sehr wir uns wünschen, dass andere uns einfach akzeptieren – manchmal trifft uns die Bewertung wie ein kleiner Stich ins Herz. Ein Kommentar über unser Aussehen, unsere Erziehung, unsere Arbeit – und schon kreisen die Gedanken: „Bin ich wirklich zu laut, zu leise, zu dick, zu dünn, zu irgendwas?“
Mit hilft in solchen Momenten ein kleiner Trick: Ich frage mich, ob diese Bewertung wirklich etwas mit mir zu tun hat- oder nicht viel mehr mit der Person, die sie ausspricht. Meistens hat es nämlich mehr mit ihren Ängsten, Unsicherheiten oder festgefahrenen Vorstellungen zu tun. Also: Atme tief durch, erinnere dich daran, dass es nicht dein Job ist, allen zu gefallen – und frag dich: „Möchte ich das wirklich annehmen – oder darf das getrost beim Absender bleiben?“
Mein Fazit: Wir müssen nicht alles gutheißen, was andere tun. Aber wir können lernen, sie einfach sein zu lassen. Und wir dürfen auch lernen, uns nicht kleiner machen zu lassen, wenn jemand uns bewertet.
Denn am Ende des Tages gilt: Vor meiner eigenen Tür liegt schon genug, das ich fegen darf – und das reicht vollkommen.
Und mal ehrlich: Wenn dich jemand wegen deines chaotischen Schreibtischs, deiner Kindererziehung oder deines Kleidungsstils kritisiert, dann mach es wie ich: Tür zu, tief durchatmen, lächeln… und sagen „Schön, dass du so viel Zeit hast, über mein Leben nachzudenken.“
Herzlichst,
Jana

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