Kennst du das auch? Du freust dich auf einen schönen Abend, hast alles vorbereitet (Essen, Kerzen, Musik…), vielleicht sogar ein bisschen Mühe in dein Outfit gesteckt – und dein Gegenüber ist… na ja, nicht ganz so begeistert, wie du es dir erhofft hattest. Bääm – Enttäuschung pur.
Willkommen in der Welt der stillen Drehbuchautoren.
Wir alle schreiben heimlich kleine Drehbücher im Kopf. In meinem steht zum Beispiel: „Wenn ich mich schon entscheide, Salat statt Schokolade zu essen, dann sollte das Universum mich wenigstens mit zwei Kilo weniger belohnen.“ Tut es aber nicht. Bei einer Freundin steht im Drehbuch: „Wenn ich für die Kollegin einspringe, dann bedankt sie sich wenigstens.“ Tut sie aber nicht. Stattdessen kommt: „Ach super, dann kannst du ja nächste Woche auch übernehmen.“ Ein anderes Beispiel: Du gehst zum Friseur, fühlst dich danach wie ein neuer Mensch – und niemand sagt was. Nicht mal ein kleines „Oh, warst du beim Friseur?“!
Aber was passiert, wenn die anderen ihre Rollen einfach nicht so spielen, wie wir sie ihnen zugedacht haben? Richtig – wir sind frustriert. Unsere Erwartungen sind wie heimliche Regieanweisungen, von denen die anderen schlicht nichts wissen. Und wenn sie sich nicht daran halten – was sie logischerweise nicht tun können, da sie das Drehbuch nie gelesen haben – sind wir enttäuscht.
Aber Moment mal: Wer hat hier eigentlich was erwartet? Und wer ist schuld, wenn es anders läuft?
Wir Menschen sind wahre Meister im Erschaffen von unsichtbaren Erwartungen. Wir erwarten, dass der Partner unsere Gedanken lesen kann, dass Kollegen/Chefs unsere Mühe sehen, Freunde sich melden, die Welt irgendwie „gerecht“ funktioniert. Und wenn das nicht passiert, sind wir beleidigt, frustriert oder eben enttäuscht – und merken dabei gar nicht, dass der Ursprung unseres Gefühls gar nicht im Verhalten der anderen liegt, sondern in unserer eigenen Erwartungshaltung.
Erwartungen sind kleine Ego-Fallen
Das Ego liebt Erwartungen. Es flüstert: „Wenn er mich wirklich lieben würde, dann würde er merken, dass es mir schlecht geht.“ Oder: „Wenn sie mich respektieren würde, dann würde sie so etwas nicht sagen.“ Aber das Leben ist kein Wunschkonzert, und Menschen keine Hellseher (und Gedankenlesen funktioniert außerhalb von Hogwarts leider nicht).
Erwartungen geben uns das Gefühl von Kontrolle, Sicherheit, Bestätigung. Aber sie sind trügerisch. Denn Menschen sind keine Marionetten, die sich nach unseren Vorstellungen bewegen.
Wir sind alle in unserer eigenen kleinen Gedankenwelt unterwegs – mit eigenen Filtern, Sorgen, Prägungen und Baustellen. Und manchmal kreuzen sich diese Welten eben nicht perfekt synchron. Das ist menschlich. Wenn wir lernen, Erwartungen loszulassen, geben wir nicht etwa auf – wir befreien uns. Denn jede nicht erfüllte Erwartung ist im Grunde nichts anderes als ein Hinweis: „Hey, da war ein heimliches Drehbuch in meinem Kopf, das nur ich kannte.“
Wir sind nicht hier, um Erwartungen zu erfüllen
Einer der befreiendsten Sätze, die ich je gehört habe: „Ich bin nicht auf dieser Welt, um die Erwartungen anderer zu erfüllen – und andere sind nicht hier, um meine zu erfüllen.“ Das klingt erstmal radikal und egoistisch, ist aber genau das Gegenteil. Denn erst, wenn ich den anderen wirklich so sein lasse, wie er ist, entsteht echte Verbindung – ohne Druck, ohne Drama, ohne die ständige Angst, enttäuscht zu werden.
Ich habe das selbst lernen dürfen (oder müssen). Früher war ich Weltmeisterin im „Ich dachte, du würdest…“. Heute sage ich es lieber direkt. Und siehe da – plötzlich klappt’s mit dem Miteinander besser.
Eine kleine Challenge zum Ausprobieren: Beobachte dich mal im Alltag. Wie oft erwartest du, dass jemand etwas Bestimmtes tut oder sagt – und bist dann enttäuscht, wenn das nicht passiert?
Die gute Nachricht: Sobald du erkennst, dass du selbst der Regisseur dieser „inneren Erwartungsfilme“ bist, kannst du das Drehbuch ändern. Du kannst beschließen, Dinge anzunehmen, wie sie sind – statt sie ständig mit dem „Wie sie sein sollten“-Filter zu betrachten. Wenn du also das nächste Mal enttäuscht bist, frag dich: „Habe ich das eigentlich kommuniziert – oder nur gedacht?“
Und wie funktioniert dann ein gutes Miteinander?
Ganz einfach: Mit weniger „Ich dachte, du würdest…!“ und mehr „Ich wünsche mir…“. Mit ehrlichen Gesprächen statt beleidigtem Schweigen. Und mit dem Mut, auch mal die Erwartungen anderer nicht zu erfüllen – ohne schlechtes Gewissen. Denn wer sich ständig verbiegt, nur um anderen zu gefallen, verliert am Ende den wichtigsten Menschen: sich selbst. Je mehr wir nämlich versuchen, andere zu steuern, desto weniger frei werden wir.
Die Wahrheit ist: Wir sind oft gar nicht vom Verhalten anderer enttäuscht, sondern davon, dass sie unsere inneren Erwartungen nicht erfüllen. Wir wollten gesehen, verstanden oder gelobt werden – haben es aber nie gesagt.
Statt also zu erwarten, dass der andere „es schon merkt“, darfst du ruhig sagen, was du brauchst. Und gleichzeitig akzeptieren, wenn der andere es nicht erfüllen kann oder will. Das hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern mit Freiheit – innerer Freiheit und Selbstachtung. Und sie führt zu Beziehungen, die auf Ehrlichkeit beruhen – nicht auf unausgesprochenen Erwartungen (und darauf unweigerlich folgenden Enttäuschungen). Es ist völlig okay, Wünsche zu haben. Aber es ist unfair, sie anderen stillschweigend als Verpflichtung (Erwartung) unterzuschieben.
Und ja, du darfst dir auch selbst mal auf die Schulter klopfen, wenn du merkst:„Hey, ich hab’s geschafft, nicht gleich enttäuscht zu sein – sondern erstmal in mich reinzuhorchen.“ Denn das ist keine Schwäche, sondern Selbsterkenntnis. Und: Wenn du dich selbst anerkennst, brauchst du weniger Applaus von außen.
Fazit: Erwartungen sind wie unsichtbare Stolperfallen im Beziehungsalltag – egal ob in der Familie, im Job oder in der Liebe. Je bewusster du sie erkennst, desto leichter wird dein Leben. Und wer weiß – vielleicht überraschen dich die Menschen sogar positiv, wenn du aufhörst, sie zu bewerten aufgrund von Erwartungen, die sie nicht erfüllen können, weil sie sie gar nicht kennen.
Denn manchmal passiert das Schönste genau dann, wenn du nichts erwartest… und plötzlich merkt jemand doch, dass du beim Friseur warst. Echtes Miteinander braucht keine unausgesprochenen Drehbücher – nur Ehrlichkeit, ein bisschen Humor und ganz viel Menschlichkeit.
Herzlichst,
Jana

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