Kennst du das auch? Früher war ich mir bei vielen Dingen erstaunlich sicher. Ich wusste, was richtig und was falsch ist. Ich wusste, wie Menschen ticken, wie Beziehungen funktionieren, welche Entscheidungen ich niemals treffen würde.
Zumindest dachte ich das.
Heute, einige Jahre und viele Erfahrungen später, sehe ich vieles anders. Weil ich verstanden habe, wie wenig ich damals eigentlich wirklich gesehen habe. Als junger Mensch erscheint die Welt oft übersichtlich. Es gibt richtig und falsch, gut und böse, schwarz und weiß. Man betrachtet das Leben durch die Brille der eigenen Erfahrungen – und weil diese Erfahrungen noch begrenzt sind (was in der Natur der Sache liegt), hält man die eigene Sicht oft für die Wahrheit.
Erst mit den Jahren und Erfahrungen wird einem bewusst, dass die eigene Wahrheit nur eine von vielen ist. Je älter ich werde, desto mehr Grautöne entdecke ich zwischen schwarz und weiß. Früher habe ich Menschen manchmal vorschnell beurteilt. Frauen, die erst spät oder meiner Meinung nach zu früh Mutter geworden sind oder geheiratet haben. Menschen, die in Beziehungen geblieben sind, die ich selbst längst beendet hätte. Menschen, die Entscheidungen getroffen haben, die ich nicht nachvollziehen konnte.
Heute frage ich mich viel häufiger: Was weiß ich eigentlich wirklich über diesen Menschen? Welche Erfahrungen haben ihn geprägt? Welche Ängste begleiten ihn? Welche Hoffnungen? Welche Verletzungen? Denn die Wahrheit ist: Wir sehen meistens nur das Verhalten, nicht die Geschichte dahinter. Wir sehen nur einen kleinen Ausschnitt eines großen Ganzen.
Vor Kurzem habe ich mit meinem Mann die Filme „Der Vorname“, „Der Nachname“ und „Der Spitzname“ geschaut. Was mich daran fasziniert hat, waren gar nicht die Diskussionen selbst, sondern die Erkenntnis, wie unterschiedlich Menschen dieselbe Situation wahrnehmen können. Jeder der Beteiligten hatte seine Gründe, seine eigene Sichtweise. Jeder war überzeugt, im Recht zu sein.
Und genau so ist das Leben. Wir streiten oft nicht über Fakten. Wir streiten über Bedeutungen, Interpretationen, unsere ganz persönliche Sicht auf die Welt und vergessen dabei, dass das eben nur die eigene Realität ist.
Oft brauchen wir Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte, um unsere eigenen Entscheidungen wirklich zu verstehen. Warum wir uns verliebt haben. Warum wir geblieben oder gegangen sind. Warum wir eifersüchtig waren, Angst hatten. Erst im Rückblick erkennen wir häufig die Muster dahinter.
Und genau deshalb frage ich mich manchmal: Wenn wir oft Jahre brauchen, um uns selbst zu verstehen… warum glauben wir dann, andere Menschen nach wenigen Minuten beurteilen zu können?
Warum sind wir so schnell mit unseren Meinungen? Warum glauben wir so oft, die ganze Geschichte zu kennen, obwohl wir nur einen winzigen Ausschnitt sehen?
Je älter ich werde, desto mehr erkenne ich: Die meisten Menschen handeln nicht grundlos. Sie handeln aufgrund dessen, was sie erlebt haben. Aufgrund ihrer Erfahrungen, Ängste, Hoffnungen, Verletzungen. Das bedeutet nicht, dass alles richtig ist. Aber vieles wird verständlicher. Und Verständnis ist etwas anderes als Zustimmung.
Vielleicht ist Weisheit gar nicht, möglichst viele Antworten zu haben. Vielleicht ist Weisheit die Fähigkeit, mehr Fragen zu stellen, neugierig zu bleiben, zuzuhören und sich immer wieder bewusst zu machen: Meine Sicht ist nicht die einzige Sichtweise.
Rückblickend denke ich oft: „Meine Güte, damals war ich mir so sicher.“ Heute bin ich vorsichtiger geworden mit vermeintlichen Gewissheiten, demütiger und offener. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich den Satz heute mehr verstehe als jemals zuvor: „Je älter ich werde, desto mehr weiß ich, dass ich nichts weiß.“
Wir Menschen begreifen oft erst spät, dass wir uns nicht nur äußerlich weiterentwickeln, sondern auch neue Blickwinkel auf unser eigenes Leben entwickeln. Manchmal verstehen wir unsere Eltern erst mit 40, unsere ehemaligen Partner erst mit 50 und manchmal uns selbst erst Jahrzehnte später.
Viele Entscheidungen, die wir im Leben treffen, halten wir für vollkommen frei gewählt. Erst Jahre später erkennen wir manchmal, wie sehr unsere Erfahrungen, Prägungen und Verletzungen dabei mitgewirkt haben. Wir treffen Entscheidungen immer mit dem Wissen, dass wir in diesem Moment besitzen. Niemand kann Erfahrungen nutzen, die er/sie noch nicht gemacht hat oder Erkenntnisse anwenden, die erst Jahre später entstehen. Bei mir war es zum Beispiel die Trennung der Eltern als ich ein kleines Kind war. Dadurch habe ich unbewusst immer nach Partnern gesucht, die in meinen Augen ein gewisses Gefühl der Sicherheit ausgestrahlt haben. All das war mir damals aber nicht bewusst. Heute verstehe ich mein jüngeres Ich und ich verurteile es auch nicht mehr für die Dinge, die ich gesagt oder getan habe.
Vielleicht ist das größte Geschenk des Älterwerdens nicht die Erfahrung. Vielleicht ist es das Verständnis. Das Verständnis dafür, dass jeder Mensch eine Geschichte mit sich trägt, die wir meist nicht kennen. Und vielleicht würde diese Welt ein kleines bisschen freundlicher werden, wenn wir uns öfter daran erinnern würden.
Mein Fazit: Je älter ich werde, desto weniger interessiert mich, wer Recht hat. Auch einfache Antworten genügen mir nicht mehr. Mich interessiert wesentlich mehr, warum Menschen so geworden sind, wie sie sind. Menschen sind so komplex und die Welt braucht mehr Bereitschaft, zuzuhören, Fragen zu stellen, hinter die Fassade zu schauen. Wenn wir dazu bereit sind, dann beginnt echte Menschlichkeit.
Herzlichst,
Jana

Lass mich wissen, was du darüber denkst