Kennst du das auch? Jemand erzählt eine Geschichte. Eigentlich völlig belanglos. Und trotzdem hörst du dich sagen: „Moment mal, das war doch ganz anders.“ Oder: „Nein, das stimmt so nicht.“ Oder: „Also eigentlich war das ja so…“ Die Frage ist: Warum?
Warum fällt es uns Menschen oft so schwer, eine Kleinigkeit einfach stehen zu lassen? Warum müssen wir korrigieren, erklären, richtigstellen und diskutieren? Und warum fühlen wir uns manchmal sogar persönlich angegriffen, wenn jemand anderer Meinung ist?
Wenn wir ehrlich sind, geht es oft gar nicht um die Sache selbst. Es geht nicht um den Kuchen, die Jahreszahl oder wer welchen Satz zuerst gesagt hat. Es geht um etwas viel Tieferes. Wir alle möchten gesehen, anerkannt, wertgeschätzt werden. Und manchmal versuchen wir genau das über das Rechthaben zu erreichen. Denn wer Recht hat, fühlt sich kompetent. Wer Recht hat, fühlt sich wichtig. Wer Recht hat, fühlt sich bestätigt. Für einen kurzen Moment bekommen wir etwas, wonach sich fast jeder Mensch sehnt: Bedeutung.
Das beginnt oft schon in der Kindheit. Kinder, die für richtige Antworten gelobt werden, lernen früh: Richtig liegen bringt Anerkennung. Gute Noten bringen Anerkennung. Leistung bringt Anerkennung. Fehler dagegen werden oft kritisiert. Kein Wunder also, dass viele Erwachsene später Schwierigkeiten haben, sich zu irren. Denn Irrtümer fühlen sich dann nicht wie ein normaler Teil des Lebens an. Sondern wie ein persönliches Versagen.
Besonders spannend finde ich dabei noch etwas anderes: Manche Menschen kämpfen nicht für die Wahrheit. Sie kämpfen für ihr Selbstbild. Wenn ich mich jahrelang als klugen, kompetenten oder erfahrenen Menschen wahrgenommen habe, dann kann es unangenehm sein, wenn sich herausstellt, dass ich falsch lag. Also verteidige ich nicht die Information. Ich verteidige mein Bild von mir selbst.
Vielleicht kennst du das aus Diskussionen. Plötzlich geht es gar nicht mehr darum, worüber gesprochen wurde. Sondern nur noch darum, wer am Ende Recht behält. Dann wird aus einem Gespräch ein Wettkampf. Und aus Zuhören wird Verteidigung.
Mit zunehmendem Alter beobachte ich noch etwas Interessantes: Menschen, die mit sich selbst im Reinen sind, müssen oft erstaunlich wenig Recht haben. Sie können sagen: „Da habe ich mich geirrt.“ Oder: „Interessanter Gedanke.“ Oder sogar: „Das weiß ich nicht.“ Und genau das wirkt oft viel souveräner als jede gewonnene Diskussion.
Vielleicht liegt wahre Stärke nicht darin, immer Recht zu haben. Vielleicht liegt sie darin, nicht ständig Recht haben zu müssen. Denn die Wahrheit ist: Eine gewonnene Diskussion macht selten glücklich. Eine gute Beziehung dagegen schon. Deshalb frage ich mich heute oft: Möchte ich gerade wirklich die Wahrheit finden? Oder möchte ich einfach nur gewinnen? Und erstaunlich oft lautet die ehrliche Antwort: Ich möchte gewinnen. Allein diese Erkenntnis kann unglaublich befreiend sein.
Fazit: Wir Menschen dürfen gern lernen, dass Fehler zum Leben dazugehören. Und wer akzeptiert, dass Irren menschlich ist, muss nicht mehr jede Diskussion fürchten. Und wer nicht mehr jede Diskussion fürchtet, muss auch nicht mehr jede gewinnen.
Vielleicht wäre die Welt ein friedlicherer Ort, wenn wir uns öfter trauen würden zu sagen: „Das könnte sein.“ oder „Vielleicht hast du recht.“ oder auch „Ich sehe das anders – und das ist auch in Ordnung.“ Denn nicht jede Meinungsverschiedenheit braucht einen Sieger. Manche brauchen einfach nur zwei Menschen, die einander zuhören.
Herzlichst,
Jana
Anmerkung: Heute hab ich den Blog kurz und knackig gehalten, damit ihr bei der Hitze weniger „verdauen“ müsst. Kommt gut durch die nächsten Tage und passt aufeinander auf, denn Menschlichkeit ist es, was uns Menschen ausmacht (liegt ja schon im Wort selbst).

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