Warum viele Menschen ständig ungefragt Ratschläge geben (und was wir stattdessen wirklich brauchen)

Kennst du das? Du erzählst jemandem von einem stressigen Erlebnis – vielleicht etwas auf der Arbeit, ein Problem mit dem Kind oder dass dir zum dritten Mal in einer Woche der Bus vor der Nase weggefahren ist. Und was passiert?

Du bekommst sofort einen Ratschlag. Oder schlimmer noch: Eine ausführliche Analyse, was du falsch gemacht hast und wie du es beim nächsten Mal besser machen solltest.

„Also, ich hätte das ja ganz anders gemacht.“

„Beim nächsten Mal musst du unbedingt…“

„Ach, das kenn ich! Du musst einfach nur…“

Und plötzlich bist du nicht mehr in deinem eigenen Film, sondern in der Lösungsstrategie eines anderen Menschen, den du gar nicht nach der Regie gefragt hast. Dabei wolltest du einfach nur reden, dich verstanden fühlen, vielleicht sogar mal jammern dürfen, ohne gleich eine Gebrauchsanweisung fürs Leben zu bekommen.

Warum machen Menschen das?

Ganz einfach: weil es menschlich ist und oft auch, weil wir helfen wollen.

1. Hilfsimpuls & Kontrollbedürfnis

Viele Menschen meinen es tatsächlich gut. Sie wollen helfen. Und zwar sofort. Das Problem ist nur: Hilfe, die nicht gewünscht ist, fühlt sich selten hilfreich an. Oft steckt auch ein unbewusstes Bedürfnis dahinter, Kontrolle zurückzugewinnen – nach dem Motto: „Wenn ich dir sage, wie du’s lösen kannst, fühle ich mich selbst auch sicherer.“

2. Unfähigkeit, Emotionen einfach mal stehen zu lassen

Es ist schwer, mit negativen Gefühlen anderer umzugehen. Viele Menschen fühlen sich unwohl, wenn jemand klagt, traurig oder wütend ist. Und anstatt einfach da zu sein, zuzuhören oder Verständnis zu zeigen, schieben sie lieber schnell einen Lösungsvorschlag hinterher. Zack – unangenehme Gefühle wegrationalisiert.

3. Der Reflex des Vergleichens

„Oh ja, das kenne ich! Mir ging’s genauso, als…“ – und schon ist dein Gegenüber nicht mehr bei dir, sondern in seiner eigenen Geschichte. Ein häufiges Phänomen: Statt echtem Zuhören wird das Gespräch zum Pingpong-Spiel mit eigenen Erfahrungen. Es geht gar nicht mehr um dein Gefühl, sondern um die Story des anderen.

4. Ego, Ego, Ego

Einige (wenige) Menschen fühlen sich schlichtweg kompetenter, wenn sie anderen Ratschläge geben. Es schmeichelt dem Ego, wenn man glaubt, den Durchblick zu haben. Das Problem: Wer ständig sendet, hört nicht mehr zu.

Ratschläge sind auch Schläge…

…sagt ein schönes, altes Sprichwort. Und es stimmt: Ein gut gemeinter Rat kann – wenn er ungefragt kommt – wie ein Schlag ins Gesicht wirken. Weil er oft impliziert: „Du hast es falsch gemacht.“ Oder: „Ich weiß es besser.“ Oder schlimmer: „Dein Gefühl ist nur relevant, wenn ich es in eine Lösung verpacken kann.“

Dabei ist echtes Zuhören so viel heilender als jedes kluge „Du musst nur…“.

Und ja, ich geb’s zu: Ich war auch mal so eine.

Ich muss an dieser Stelle ganz ehrlich sein: Auch ich habe früher – also, vor meiner Coaching-Ausbildung – liebend gern ungefragt Ratschläge verteilt. Ich wollte einfach helfen! Ich gehörte definitiv zur Fraktion „Oh nein, ein Problem – das muss ich sofort lösen!“

Die Intention war gut, wirklich. Aber was ich dabei übersehen habe:

Nicht jeder braucht (oder will!) sofort eine Lösung.

Manchmal ist das Beste, was wir tun können, einfach da zu sein. Still. Zuhörend. Ohne Werkzeugkoffer.

Seit meiner Ausbildung sehe ich das anders – und höre erstmal genauer hin. Denn Menschen wissen oft selbst, was für sie richtig ist. Sie brauchen manchmal nur den Raum, es laut auszusprechen.

Was tun, wenn dir ständig Ratschläge um die Ohren fliegen?

1. Sag freundlich, was du brauchst.

„Darf ich dir einfach mal erzählen, was mich gerade bewegt? Ich brauche keinen Tipp – nur ein offenes Ohr.“

Oder: „Ich bin nicht auf der Suche nach einer Lösung, sondern einfach nach einem Moment Verständnis.“

Manche Menschen müssen daran erinnert werden, dass Zuhören eine Option ist.

2. Grenzen setzen – auch freundlich.

Wenn jemand immer wieder seine Meinung aufdrängt, darfst du das auch spiegeln:

„Ich merke, du willst mir helfen – das schätze ich. Aber gerade hilft mir zuhören mehr als eine Lösung.“

3. Humor hilft.

„Komm, leg deinen Ratschlags-Hut mal kurz zur Seite – ich erzähl dir was und du darfst einfach nicken.“

Oder: „Warte, lass mich raten: Du hast schon eine Lösung, bevor ich überhaupt fertig bin?“

Manchmal bricht ein kleines Augenzwinkern den Automatismus.

Ein bisschen Humor zum Schluss

Wir alle haben sie: die inneren „Besserwisser“ auf der Schulter, die sofort losplappern, wenn jemand über ein Problem spricht.

„Also ich hätte ja…“ – ja, danke, innerer Ratgeber. Aber diesmal bleibst du bitte still.

Und falls du mal wieder in Versuchung kommst, jemanden mit gut gemeinten Tipps zu überschütten, erinnere dich:

Manchmal ist Zuhören die beste Hilfe der Welt. Und die günstigste noch dazu. Allein die Frage „Willst du gerade einen Rat – oder einfach nur jemanden, der zuhört?“ ist Gold wert.

Fazit: Nicht jeder, der jammert, will gleich einen Schraubenschlüssel.

Manchmal brauchen wir kein Werkzeug – sondern nur jemanden, der den Raum hält, zuhört und sagt:

„Boah ja, das klingt echt blöd. Ich versteh dich.“

Und genau das ist oft das größte Geschenk, das wir einander machen können.

Wie ist das bei dir? Ich bin gespannt auf deine Gedanken – und keine Sorge, du darfst sie ganz ohne Lösungsvorschlag teilen!

Herzlichst,

Jana

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