Kennst du diese Menschen, bei denen du morgens schon überlegst, ob du sie besser umarmst oder in Deckung gehst? Ich jedenfalls erinnere mich an meine frühere Chefin. Jeden Morgen war sie wie eine lebendige Wetter-App. Sonne, Regen, Sturm – alles möglich. Nur ohne Vorwarnung. Hatte sie schlechte Laune, war niemand sicher. Ein schiefer Blick reichte und der Tag war gelaufen. Und das Fatale? Selbst ein späteres „Ach, Schwamm drüber“ ließ diesen kleinen, giftigen Stachel zurück, der das Miteinander Stück für Stück vergiftete.
Doch warum verhalten sich Menschen so?
Hier kommt die psychologische Brille ins Spiel.
Viele „Diven“ und Launen-Schleudern merken es selbst gar nicht, dass sie ihren eigenen Frust auf andere projizieren. Vielleicht ärgern sie sich über private Probleme, fühlen sich überfordert oder haben schlicht keine gesunde Strategie, um mit Stress umzugehen. Und was macht das Unterbewusstsein? Es sucht sich den nächstbesten Blitzableiter – oft Kolleg:innen, Mitarbeitende oder auch die eigene Familie.
Manche Menschen haben leider so gar kein Bewusstsein dafür, dass sie ihr Umfeld als seelischen Mülleimer benutzen. Sie sind überzeugt: Die anderen sind das Problem. Der Partner nervt, das Kind ist unordentlich, der Kollege inkompetent. Warum? Weil es leichter ist, mit dem Finger auf andere zu zeigen, als sich die eigenen Baustellen anzuschauen.
Selbsterkenntnis ist unbequem. Sie bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Und mal ehrlich: Wer macht das schon gerne?
Warum ist das wichtig zu wissen?
Weil solche Dynamiken schleichend Beziehungen vergiften können. Es bleibt immer ein Rest Misstrauen. Und: Wer öfter so behandelt wird, zweifelt irgendwann an sich selbst. Wer andere so behandelt, ist irgendwann komplett alleine.
Was kannst du dagegen tun?
- Grenzen setzen. Es ist völlig okay, klar zu sagen: „So nicht.“ Ruhig, respektvoll – aber bestimmt. Auch ein „Ich rede gern mit dir, aber bitte sachlich und in normalem Tonfall.“ ist legitim. Wenn das nicht hilft, kannst du dich auch zurück ziehen, um dich zu schützen.
- Atme durch, bevor du reagierst. Auch wenn es schwerfällt – nicht zurückschießen. Erstens ist dein Gegenüber in diesem Moment sowieso nicht zugänglich für vernünftige Diskussionen oder Argumente und zweitens ist die Gefahr des eigenen Überreagierens relativ groß.
- Mach dir klar: Es geht in solchen Situationen meistens nicht um dich. Diese Launen sagen mehr über den anderen aus als über dich. Vielleicht hat die Kollegin Stress mit ihrem Kind. Vielleicht fühlt sich der genervte Typ an der Kasse in seinem Leben generell überfordert. Vielleicht hat der Partner heute einfach einen miesen Tag. Es ist leichter, das Verhalten anderer nicht persönlich zu nehmen, wenn wir begreifen, dass viele Menschen einfach mit sich selbst kämpfen.
- Humor hilft. Manchmal kann ein innerliches „Ach, heute wieder Sturmwarnung“ dich vor innerlichem Frust retten.
Und wenn morgen im Büro der Sturm tobt? Dann weißt du jetzt, woran es liegen könnte – und dass es nicht deine Schuld ist.
Und umgekehrt?
Ich gebe es offen zu: Auch ich bin manchmal unfair und lasse meinen Frust raus – an den falschen Menschen, zur falschen Zeit, aus den falschen Gründen. Nicht, weil die anderen „schuld“ wären, sondern weil ich in dem Moment nicht bei mir selbst hinschaue.
Denn oft ist es doch so: Wir ärgern uns über uns selbst. Über die eigene Unfähigkeit, auch mal Nein zu sagen. Darüber, dass wir schon wieder eine Aufgabe mehr übernommen haben. Dass wir uns wieder nicht getraut haben, klare Grenzen zu setzen. Der Chef fragt, ob wir „kurz“ noch etwas übernehmen können – und unser Mund sagt Ja, während im Kopf alles nach Nein schreit.
Aber anstatt uns ehrlich mit diesen inneren Konflikten auseinanderzusetzen, lassen wir den Frust an denen aus, die uns eigentlich am wichtigsten sind. Partner, Kinder, Freunde. Nicht schön, aber menschlich. Schließlich ist das private Umfeld unser sicherer Hafen.
Niemand ist frei davon und jeder von uns könnte ein Beispiel bringen. Wenn ich z.B. einen langen, anstrengenden Tag hatte und meine Tochter zum dritten Mal fragt, wo irgendetwas liegt, das sie selbst verbuddelt hat, dann brodelt der innere Vulkan schon – also was tun?
Genau hier beginnt Veränderung. Nur wenn ich erkenne, dass mein Frust oft in mir selbst entsteht, kann ich anfangen, bewusster damit umzugehen. Das ist kein Schalter, den man umlegt. Es ist eine tägliche Übung.
Sobald ich also merke, wie ich meiner Tochter beim gefühlt hundertsten „Mamaaaaa!“ eine gereizte Antwort entgegenschnauzen will, atme ich tief durch und erinnere mich: Sie fragt nicht, um mich zu ärgern. Sie fragt, weil ich ihr sicherer Hafen bin.
Wenn du also selbst merkst, dass du an schlechten Tagen zur Diva wirst – keine Sorge. Wir sind alle Menschen. Wichtig ist, sich zu reflektieren und ehrlich zu fragen: „Warum bin ich gerade so unfair?“ Das ist keine Schwäche, sondern der erste Schritt zur Veränderung.
Und ja, es gelingt mir nicht immer, sofort innezuhalten. Aber: Es wird leichter, wenn man übt. Und dieser ehrliche Blick lohnt sich.
Fazit: Liebevoller mit uns selbst und den anderen umgehen
Am Ende hilft nur eins: Freundlichkeit – mit anderen und vor allem mit dir selbst. Wenn du das nächste Mal bemerkst, dass dein Frust wieder mal auf Abwege gerät, halte kurz inne. Frage dich: „Warum bin ich gerade wirklich genervt?“
Und falls jemand an dir seinen Ärger ablässt: Nimm’s nicht persönlich. Aber setze Grenzen.
Die Welt wäre ein wenig friedlicher, wenn wir diesen simplen (aber nicht einfachen) Gedanken öfter beherzigen würden.
Und für alle, die jetzt denken „Ich schaffe das nie“: Doch. Veränderung beginnt nicht mit Perfektion. Sie beginnt mit dem ersten bewussten Atemzug, bevor du etwas sagst.
In diesem Sinne: Bleib freundlich – zu anderen und vor allem zu dir selbst.
Herzlichst,
Jana

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