Warum wir mit Komplimenten so schlecht umgehen können

Kennst du das auch? Jemand sagt dir: „Du siehst heute richtig gut aus!“ – und anstatt dich einfach zu freuen, sprudelst du sofort los: „Ach, das Kleid ist doch schon uralt“ oder „Nee, ich hab nur gut geschlafen“. Zack – Kompliment abgewehrt. Gratulation, dein innerer Abwehrmechanismus funktioniert tadellos.

Aber warum eigentlich? Warum fällt es uns so schwer, ein schlichtes „Danke“ über die Lippen zu bringen und das Kompliment einfach anzunehmen?

Die Sache mit den Glaubenssätzen

Die meisten Menschen haben früh im Leben gelernt: „Eigenlob stinkt.“ Das hat sich eingebrannt wie ein schlechtes Tattoo. Also denken wir: Wer Komplimente annimmt, wirkt eingebildet. Blöd nur, dass wir damit dem anderen sein schönes Geschenk vor die Füße werfen.

Vor allem wir Frauen neigen dazu, Komplimente sofort kleinzureden. Wir haben das Gefühl, wir müssten uns rechtfertigen, als sei es anmaßend, das Lob einfach anzunehmen. Männer machen das übrigens auch – wenn auch oft subtiler. Während wir uns kleinmachen, reagieren sie eher mit einem „Ach, das war doch nichts.“ Das Muster ist aber dasselbe: Wir können Lob nicht unkommentiert stehen lassen.

Und alle zusammen fragen sich im Hinterkopf: „War das jetzt ernst gemeint oder nur so dahingesagt?“

Das hat mehrere Gründe:

  • Unser inneres Selbstbild stimmt oft nicht mit dem überein, was andere in uns sehen. Wenn wir selbstkritisch in den Spiegel schauen und nur die Falten, die Röllchen oder den Bad-Hair-Day sehen, passt ein Kompliment so gar nicht in unsere innere Erzählung. Unser Gehirn ruft dann sofort: „Das kann nicht stimmen!“
  • Gesellschaftliche Vorsicht: Wir sind misstrauisch, weil wir gelernt haben, dass Lob manchmal einen Haken hat. („Tolle Frisur!“ – „Danke… was will er/sie jetzt?“ )
  • Schutzmechanismus: Wer Komplimente nicht richtig glaubt, kann auch nicht enttäuscht werden. Das Herz schützt sich, indem es den schönen Satz gar nicht erst reinlässt.

Das Problem dabei: Wir filtern die guten Momente raus und machen uns selbst kleiner, als wir sind.

Komplimente sind wie Geschenke 

Stell dir vor, jemand schenkt dir Blumen – und du sagst: „Ach nee, die sind doch viel zu schön für mich“ und gibst sie wieder zurück. Total absurd, oder? Aber genau das machen wir mit Komplimenten.

Wenn du ein Kompliment einfach annimmst, machst du gleich zwei Menschen glücklich: dich selbst und den, der es dir gemacht hat. Denn der wollte dir ja Freude bereiten – und nicht einen peinlichen Rechtfertigungs-Monolog hören. Und weißt du was? Wenn du anfängst, Komplimente einfach so stehen zu lassen, passiert etwas Wunderbares: Dein Selbstbild fängt langsam an, sich mit dem Fremdbild zu versöhnen.

Mein persönlicher Tipp: Ich habe mir angewöhnt, bei einem Kompliment einfach tief durchzuatmen und „Danke“ zu sagen – Punkt. Ohne Zusatz, ohne Relativierung. Ja, es fühlt sich am Anfang komisch an, fast unverschämt. Aber mit der Zeit merkt man, dass es richtig gut tut und es ist wie Muskeltraining. Je öfter du es machst, desto leichter wird es.

Und noch etwas: Verteil selbst mehr Komplimente! Ein ehrlich gemeintes Kompliment kostet nichts, wirkt aber manchmal wie ein kleiner Zaubertrank. Es kann einem Menschen den ganzen Tag retten – und dir übrigens auch, weil du automatisch gute Energie aussendest und das fühlt sich einfach gut an.

Vielleicht sagst du der Kollegin, dass du ihren Humor magst, oder dem Nachbarn, dass sein Garten wirklich schön aussieht. Es geht nicht darum, etwas zurückzubekommen, sondern einfach nur darum, ein wenig Licht zu verteilen. Wenn wir uns gegenseitig öfter sagen, was wir aneinander schätzen, machen wir die Welt tatsächlich ein Stück besser. Und wer weiß – vielleicht glaubst du beim nächsten Kompliment endlich selbst daran, dass du es wirklich verdient hast.

Und natürlich, das möchte ich nicht verschweigen, gibt es auch Komplimente, die nicht so gemeint sind. Nicht jedes „Das hast du aber gut gemacht.“ kommt aus reinem Herzen. Manchmal steckt da ein Hintergedanke dahinter oder es war pure Höflichkeit. Aber weißt du was? Das sagt mehr über den anderen aus als über dich. Wenn du spürst, dass ein Kompliment einfach „schief“ klingt, lächle höflich, nimm es an und lass es dann wieder los. Du musst dich nicht jedes Mal fragen, was wirklich gemeint war und es „zerdenken“. Dein innerer Frieden ist wichtiger als jede unauthentische Lobhudelei.

Und falls du merkst, dass jemand Komplimente als Werkzeug benutzt, um etwas zu bekommen – dann darfst du ruhig innerlich auf Abstand gehen. Authentische Anerkennung fühlt sich ehrlich an. Alles andere ist, nun ja, Verpackung ohne Inhalt.

Fazit: Komplimente sind keine Rätsel, die wir misstrauisch entschlüsseln müssen. Sie sind kleine Momente echter Wertschätzung. Wenn wir sie annehmen, erlauben wir uns selbst, ein Stück größer und strahlender zu sein. Also: Beim nächsten Mal nicht kleinreden – sondern einfach lächeln und sagen: „Danke.“

Herzlichst,

Jana

Lass mich wissen, was du darüber denkst