Lästern – wenn über andere gesprochen wird und irgendwann auch über dich

Kennst du das auch? Du stehst mit mehreren Menschen zusammen, jemand ist gerade nicht da – und plötzlich fällt einer dieser Sätze: „Eigentlich mag ich Herrn/Frau XY ja, aber…“ oder „Hast du gesehen, wie Herr/Frau XY…“.

Und zack – die Lästerrunde ist eröffnet.

Mal geht es um Kolleg:innen, mal um Nachbarn, mal um andere Mütter/Väter, Ex-Partner, Chefs oder „die eine Person, die immer…“. Und ehe man sich versieht, nickt man zustimmend, lacht vielleicht sogar – obwohl man innerlich denkt: Hm, ganz so sehe ich das eigentlich gar nicht.

Lästern – ein Thema, das wir alle kennen

Warum lästern Menschen überhaupt? Die unbequeme Wahrheit ist: Die meisten Menschen lästern, aber sie lästern nicht aus Bosheit. Sie lästern, weil sie dazugehören wollen, weil es verbindet. Weil gemeinsames Lästern ein Gefühl von Nähe erzeugt, ein „Wir gegen die anderen“. Und es steckt in unseren Genen, denn früher war die Zugehörigkeit zu einer Gruppe überlebenswichtig.

Psychologisch betrachtet schafft Lästern: Zugehörigkeit, Bestätigung, kurzfristige Erleichterung über eigene Unsicherheiten. Denn wenn wir über andere sprechen, müssen wir für einen Moment nicht bei uns selbst hinschauen.

Mir geht es nicht darum, mit dem Finger auf irgendwen zu zeigen. Wir alle haben schon gelästert. Ich ganz sicher auch. Manchmal aus Unsicherheit, manchmal aus Anpassung, manchmal einfach, weil es so leicht war.

Die Lösung liegt also nicht im Nie-mehr-lästern. Sondern im Bewusstsein darüber. Einfach zu merken: Warum steige ich gerade ein? Was gibt mir dieses Gespräch? Und wie fühle ich mich eigentlich danach?

Die zwei klassischen Wege, damit umzugehen – und warum beide ihre Tücken haben

Wenn wir mit Lästern konfrontiert werden, haben wir meist zwei Optionen:

1. Mitmachen: Der einfache Weg. Man gehört dazu, es ist „nett“, man wird nicht ausgeschlossen. Aber viele spüren innerlich einen kleinen Stich. Dieses leise Gefühl von: Eigentlich bin ich gar nicht so.

Und dann kommt der Gedanke, den kaum jemand ausspricht: „Wenn sie so über andere reden – reden sie dann auch so über mich?“ Die ehrliche und kurze Antwort: Ja, tun sie.

2. Sich darüber aufregen oder abgrenzen: Der schwierigere Weg. Denn wer sich nicht beteiligt oder sogar widerspricht, läuft Gefahr, selbst zum Gesprächsthema zu werden. Und ja: Das passiert auch. Wer sich gegen den Strom stellt, fällt auf.

Und was, wenn über dich gelästert wird?

Ich wäre unehrlich, wenn ich sagen würde, dass mir Lästereien über mich nie wehgetan hätten. Das Gegenteil ist der Fall. Es gab Situationen, da wurden Dinge über mich erzählt, die schlichtweg nicht stimmten, teilweise frei erfunden.

Meine offene Art – dass ich viel von mir, meinem Leben und meinen Gedanken teile – war für manche offenbar ein gefundenes Fressen. Und ja, besonders weh tat es, wenn es von Menschen kam, von denen ich es nicht erwartet hätte. Das sitzt. Da braucht mir niemand erzählen, man müsse da „einfach drüberstehen“.

Allerdings: Das Verhalten der anderen liegt nicht in meiner Hand. Aber mein Umgang damit schon. Und genau deshalb habe ich für mich entschieden: Ich verbiege mich nicht, nur um weniger Angriffsfläche zu bieten. Denn diese vermeintliche Sicherheit ist eine Illusion.

Was also tun, wenn gelästert wird?

1. Wenn über andere gelästert wird – und du mittendrin stehst

Du musst weder mitmachen noch missionieren. Manchmal reicht schon ein neutrales „Hm.“, ein Themenwechsel oder ein Satz wie „Ich kenne das jetzt auch nur von einer Seite.“ Das stoppt erstaunlich oft den Redefluss – ohne Drama.

Und ganz wichtig: Du bist nicht verantwortlich für die Gruppendynamik. Du darfst dich innerlich rausziehen, auch wenn du äußerlich noch dastehst.

2. Wenn du dazukommst und merkst: hier geht es gerade um mich

Ja, das ist unangenehm. Und ja, das trifft – selbst dann, wenn man „eigentlich drübersteht“. Hier ein paar Möglichkeiten, je nach Situation und Tagesform:

  • Variante ruhig & souverän: „Spannend, dass ihr darüber redet. Wenn ihr Fragen habt, könnt ihr mich gern auch direkt ansprechen.“ Das wirkt erwachsen und ist oft peinlicher für die anderen als für dich.
  • Variante humorvoll (mein Favorit): „Ach, hier gehts gerade um mich? Moment, dann hol ich mir nur kurz Popcorn.“ Das nimmt dem Ganzen sofort die Schärfe.
  • Variante klar & kurz: „Ich merke, das fühlt sich für mich gerade nicht gut an.“ Keine Rechtfertigung. Keine Diskussion. Punkt.

Und manchmal – auch das darf sein – ist der beste Schutz: Gehen. Nicht aus Schwäche, sondern aus Selbstachtung.

3. Der wichtigste Punkt: Lästerei sagt fast nie etwas über dich aus

Aber fast immer etwas über: Unsicherheit, Gruppendruck oder das Bedürfnis, sich selbst aufzuwerten. Wer über andere spricht, lenkt oft von sich selbst ab und fühlt sich besser, wenn andere klein gemacht werden..

Lästerei verliert ihre Macht, wenn wir aufhören, sie persönlich zu nehmen – und wenn wir aufhören, sie unbewusst mitzutragen.

Und vielleicht das als leiser Gedanke: Du musst nicht immer die/der Mutigste sein. Nicht die/der Coolste. Nicht derjenige, der alles wegsteckt. Aber du darfst lernen zu unterscheiden: Was gehört wirklich zu mir – und was lasse ich bei den anderen? Je klarer du bei dir bist, desto leiser wird das Lästern im Außen.

Lästern und Kinder – warum wir Vorbilder sind

Gerade wenn Kinder dabei sind, wird mir noch einmal mehr bewusst, wie wichtig unser eigenes Verhalten ist. Kinder hören nicht nur zu – sie lernen. Sie lernen, wie wir über andere sprechen. Sie lernen, ob wir mitmachen oder ob wir Haltung zeigen. Und sie lernen auch, wie man mit Verletzungen umgeht.

Ich wünsche mir, dass Kinder erleben dürfen, dass man nicht besser wird, indem man andere klein macht. Dass man dazugehören kann, ohne jemanden auszuschließen. Und dass man auch dann respektvoll bleibt, wenn jemand anders ist, anders denkt oder anders lebt.

Denn eines ist sicher: Unsere Kinder werden später genau das tun, was wir ihnen vorgelebt haben – nicht das, was wir ihnen erklärt haben.

Und vielleicht ist das die wichtigste Botschaft: Wir können nicht verhindern, dass Menschen über uns reden. Aber wir können verhindern, dass wir uns selbst verlieren, nur um anderen zu gefallen.

Und wenn unsere Kinder genau das bei uns sehen – dann haben wir vielleicht schon mehr richtig gemacht, als wir denken.

Herzlichst,

Jana

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