Warum handeln wir manchmal anders, als wir eigentlich möchten?

Kennst du das auch? Du verlässt ein Gespräch und denkst dir: „Warum habe ich eigentlich nichts gesagt?“ Oder du reagierst plötzlich gereizt, obwohl du dir fest vorgenommen hattest, ruhig zu bleiben. Vielleicht hast du sogar über jemanden oder etwas gelacht, obwohl dir gar nicht zum Lachen war. Oder du hast zugestimmt, obwohl du innerlich ganz anderer Meinung warst. Und später denkst du: „Das bin doch eigentlich gar nicht ich.“

Aber stimmt das wirklich?

Wir Menschen glauben gern, dass wir immer frei entscheiden. Dass wir sagen, was wir denken, handeln, wie wir sind. Doch unser Verhalten wird von viel mehr beeinflusst, als uns bewusst ist. Von unserer Erziehung, unseren Erfahrungen, unseren Ängsten oder unserem Wunsch, dazuzugehören. Und manchmal auch einfach von der Situation selbst.

Stell dir vor, du sitzt mit Freunden zusammen. Jemand macht einen abfälligen Kommentar über einen anderen Menschen (vielleicht sogar jemanden, den du magst). Eigentlich möchtest du widersprechen. Doch niemand sagt etwas. Also schweigst auch du. Nicht, weil du plötzlich deine Meinung geändert hast, sondern weil es Mut kostet, als Erste/r gegen die Gruppe aufzustehen.

Oder stell dir eine andere Situation vor. Du hast einen Fehler gemacht. Dein Chef tobt und will eine Erklärung. Obwohl du dir vorgenommen hattest, immer ehrlich zu sein, suchst du plötzlich nach einer Ausrede. Nicht, weil du ein unehrlicher Mensch bist, sondern weil dein Gehirn dich in diesem Moment vor Kritik, Ablehnung oder Gesichtsverlust schützen möchte.

Unser Verhalten ist oft wie ein Spiegel der Situation. Je nachdem, wer uns gegenübersteht, zeigen wir unterschiedliche Seiten von uns. Vor Freunden verhalten wir uns anders als vor unseren Eltern, vor Kollegen anders als vor unserem Chef, vor Fremden anders als zu Hause. Und manchmal wundern wir uns selbst darüber.

Das bedeutet jedoch nicht, dass wir unecht sind. Es bedeutet nur, dass wir Menschen sind. Soziale Wesen. Wir möchten dazugehören, anerkannt werden, Konflikte vermeiden. Und genau deshalb handeln wir manchmal anders, als wir es uns vorgenommen hatten.

Mich fasziniert dabei eine Frage: Wie oft urteilen wir über andere Menschen, obwohl wir selbst in derselben Situation vielleicht ganz ähnlich gehandelt hätten?

Wir sagen schnell: „Warum hat sie denn nichts gesagt?“ „Warum hat er gelogen?“ „Warum ist sie nicht für sich eingestanden?“ Doch wenn wir ehrlich sind, kennen wir alle Momente, in denen wir gegen unsere eigenen Werte gehandelt haben, weil wir Angst hatten, überfordert waren oder eben dazugehören wollten.

Vielleicht liegt genau darin eine wichtige Erkenntnis. Menschen sind nicht immer so, wie sie sich in einem einzigen Moment verhalten und ein bestimmtes Verhalten ist nicht automatisch der ganze Charakter. Es ist oft das Ergebnis einer ganz bestimmten Situation. Das entschuldigt nicht alles. Aber es hilft uns, Verhalten besser zu verstehen.

Je älter ich werde, desto vorsichtiger bin ich deshalb mit Urteilen. Weil ich weiß, wie leicht wir alle unter Druck anders handeln, als wir es eigentlich möchten. Auch ich habe schon Dinge getan oder gesagt, die überhaupt nicht zu dem Menschen passen, der ich bin und sein möchte. Ich habe vorschnell geurteilt, obwohl ich nicht die ganze Geschichte kannte. Oder ich habe geschwiegen, obwohl ich hätte etwas sagen sollen. Und erst Jahre später habe ich verstanden, warum. Heute sehe ich mein jüngeres Ich mit viel mehr Mitgefühl. Und genau das wünsche ich auch anderen.

Vielleicht kennen wir uns selbst erst dann wirklich, wenn wir verstehen, warum wir in bestimmten Situationen von unseren eigenen Werten abweichen. Und vielleicht beginnt Mitgefühl genau dort. Nicht, wenn wir das Verhalten entschuldigen. Sondern wenn wir erkennen, dass hinter vielen Entscheidungen keine Bosheit steckt, sondern etwas zutiefst Menschliches. Die Angst, nicht zu genügen, nicht dazuzugehören oder nicht mehr geliebt zu werden.

Vielleicht sollten wir uns deshalb viel öfter fragen: „Was hat diesen Menschen in diesem Moment dazu gebracht, so zu handeln?“ Anstatt sofort zu denken: „So ist dieser Mensch also.“ Denn zwischen diesen beiden Sätzen liegt ein entscheidender Unterschied. Der eine verurteilt. Der andere versucht zu verstehen. Und genau dort beginnt für mich Menschlichkeit.

Vielleicht möchtest du in den nächsten Tagen einmal ein kleines Experiment wagen. Immer dann, wenn dich das Verhalten eines anderen Menschen ärgert oder überrascht, halte einen Moment inne und stelle dir nur eine einzige Frage: „Welche Geschichte kenne ich über diesen Menschen noch nicht?“. Du musst die Antwort nicht kennen oder erforschen. Aber allein die Frage verändert oft schon den Blick. Und vielleicht kannst du sie sogar auf dich selbst anwenden. Wenn du das nächste Mal etwas tust und denkst: „Warum habe ich bloß so reagiert?“. Verurteile dich nicht sondern frage dich stattdessen: „Was hat mich in diesem Moment dazu gebracht?“ Ich glaube, genau dort beginnt Entwicklung. Wenn wir beginnen uns selbst und andere verstehen zu wollen.

Herzlichst,

Jana

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